Logo Dr.Heckhoff
Sie befinden sich hier: Sonstiges - Zahnärzte helfen
Praxisrundgang
   
Zahnärzte helfen - Peru
www.zahnaerztehelfen.de


ImplantatEinsatzbericht von Dr. Stefan Scheinert im Oktober 2013 in der Kausay Wasi Clinic Qoya Heiliges Tal ,Cusco ,Peru

Im Oktober 2013 hielt ich mich zu einem zahnärztlichen Hilfseinsatz in Qoya, einer peruanischen Kleinstadt im Urubambatal auf. Ich war auf die Organisation "Zahnärzte-helfen" aufmerksam geworden, die über Kontakte nach Peru verfügt. Die Finanzierung von "Zahnärzte- helfen" erfolgt vorwiegend über Altgoldspenden. Vermittelt wurde mein Einsatz vom Kollegen Dr. Reiss von der Zahnärztekammer Hessen.

Die Region ist sehr ländlich. Die Menschen hier leben von der Landwirtschaft und kleineren Tätigkeiten. Industrielle Arbeitsplätze gibt es nicht. Gewohnt habe ich im Guesthouse, dem schönsten Haus in Qoya. Es hat im Gegensatz zu allen anderen Häusern sogar einen Garten und wird geführt vom deutschen Ehepaar Haase. Ein Grund für die Peruaner nach Qoya zu kommen, ist die örtliche Klinik. Sie ist für einen weiten Umkreis die einzige entsprechende Anlaufstelle. Sie wird vom amerikanischen Ehepaar Del Prado geführt und ist gezwungen, sich selbst zu tragen.

Die Kausay Wasi Clinic ist ein sehr kleines Krankenhaus. Ich habe dort nur einen einheimischen Arzt kennengelernt. Allerdings gelingt es den Krankenhausbetreibern regelmäßig Ärzteteams aus der ganzen Welt für einen ein- oder zweiwöchigen, unentgeltlichen Einsatz in die Klinik zu bekommen. Dies sind Teams unterschiedlicher Fachrichtungen, die dann meist mit eigener Ausrüstung eine Vielzahl wertvoller Behandlungen und Operationen an Patienten durchführen, die ansonsten keine Chance auf eine Therapie hätten. Auch während meiner Einsatzzeit war ein internationales Ärzteteam vor Ort mit plastischen Chirurgen, OP-Schwestern und Anästhesisten aus Malaga, Spanien.

ImplantatDurch vorherige Werbemaßnahmen kamen sehr viele Patienten zur Behandlung. Der Operationstag dauerte häufig bis in die Abendstunden. Auch für die, in die Klinik integrierte Zahnstation gab es in dieser Zeit eine Werbekampagne. Füllungen und Extraktionen kosteten dabei die Hälfte des üblichen Preises. Da die Peruaner über kein entsprechendes Krankenversicherungssystem verfügen und die Behandlungskosten direkt nach der Behandlung bar entrichtet werden müssen, war die Aktion besonders in den ersten Tagen ein großer Anreiz , in die Klinik zu kommen. Festzustellen ist dabei, dass die Patienten durchaus Ansprüche an die Behandlung stellten. Die Füllungen sollten schon weiß werden. Extraktionen wurde erst zugestimmt, nachdem ausführlich erklärt wurde, dass es tatsächlich keine andere sinnvolle Behandlungsalternative gab und entstehende Lücken sollten dann auch durch Zahnersatz wieder versorgt werden. Auch Zahnreinigungen waren gewünscht. Allerdings bestimmte das Budget des Patienten auch die Behandlung, so dass einige Male aus Kostengründen nur das größte Problem beseitigt wurde und der ebenfalls sanierungsbedürftige Rest unbehandelt blieb. Auch durch entsprechende Werbekampagnen kann jedoch nur ein gewisser Teil der Bevölkerung erreicht werden. Gerade in dieser Region Perus gibt es viele abgelegene Bergregionen und die Menschen können nicht den weiten Weg nach Qoya bewältigen. Das gilt besonders auch bei schlechtem Wetter, was lange Fußmärsche erschwert. Hier ist auch seitens der Klinikleitung angedacht, mit einer mobilen Einheit direkt zu den Menschen in den entfernten Siedlungen zu gehen. Ich hoffe, die großen logistischen Probleme dabei lassen sich bewältigen.

Ich bin im gesamten Land und auch in der Klinik freundlich aufgenommen worden. Die Zahnabteilung besteht aus einem Raum von etwa 30 qm. In diesem Raum befindet sich alles. Vorne steht ein Schreibtisch (mit PC), der als Anmeldung und Verwaltung dient. Links steht eine Schrankzeile aus völlig zusammengewürfelten Einzelteilen. Hier wird Material untergebracht oder ohne feste Ordnung abgestellt.

ImplantatZwischendrin gibt es einen Arbeitsplatz mit wenig zahntechnischem Gerät und das Sterilisationsgerät älterer Bauart. Es herrscht ein großes Durcheinander und man muss sich vorab die zur Behandlung benötigten Dinge selbst zusammnensuchen. Aus einer Schublade quellen zahnärztliche Zangen lose hervor. Weiter hinten stehen die drei Behandlungsstühle. Alles ältere Einheiten, die so dicht nebeneinander stehen, dass von einer Privatsphäre für den Patienten keine Rede sein kann. Um die Einheiten zu erreichen, muss man erstmal über diverse Zu- und Ableitungen und Rohre steigen. Die Installation erfolgte nachträglich, so dass für Strom und Wasser keine Unterbodenleitungen existieren.

An den Einheiten gibt es nur eine Turbine und ein blaues Winkelstück, dies allerdings ohne Wasserkühlung. Schnellkupplungen kommen nicht vor, so dass jeder Bohrer mit einem speziellen Werkzeug eingeschraubt werden muss. Es existiert auch nur ein Speichelzieher zum Absaugen, somit ist ein trockenes, übersichtliches Behandlungsfeld nur mühsam und unzureichend zu erlangen. Ein antiquiertes Zahnfilmröntgengerät ist vorhanden. Ich habe es nicht geschafft, den Tubus korrekt einzustellen. Das Gerät stand direkt neben einem Behandlungsstuhl. Beim Thema Strahlenschutz gelten andere Maßstäbe als bei uns. Ich konnte z.B. beobachten, dass beim Röntgen die Strahlenschutzschürze nicht etwa vom Patienten sondern von der Zahnarzthelferin getragen wurde.

ImplantatDie Filmentwicklung erfolgte gleich nebenan nicht mit einem Entwicklungsautomaten, sondern per Hand. Die Qualität der Aufnahmen war jedoch recht gut. Insgesamt kann man festhalten, dass alles etwas chaotisch abläuft und die Abläufe sicher nicht ergonomisch sind, aber es findet wenistens eine einfache Behandlung statt. Hygienemaßnahmen werden ernsthaft betrieben, aber eben nur mit den hier zur Verfügung stehenden Mitteln, unsere heimischen Hygienestandards gelten hier nicht.

Die Öffnungszeiten der Klinik waren täglich von 8 - 16 Uhr. Geleitet wurde die Zahnstation von Katrine, einer jungen peruanischen Zahnärztin, die im eine knappe Busstunde entfernten Cusco studiert hat. Ihre Eltern haben ihr Studium finanziert. Ich hatte den Eindruck, sie hat das Patientenaufkommen quantitativ und auch - nach peruanischen Verhältnissen qualitativ gut im Griff. Einfacher Zahnersatz, sowohl festsitzend wie auch herausnehmbar ( Modellguß oder Totalprothese ) wird hergestellt. Neben chirurgischer und konservierender Zahnheilkunde wird auch eine Zahnreinigung als Prophylaxe angeboten. Jeden Samstag und Sonntag kommt ein italienischer Zahnarzt, der ausschließlich endodontische Behandlungen durchführt. Diese sind mit etwa 40 Euro relativ teuer, während eine Füllung mit 10 Euro und eine keramische Teilkrone mit 30 Euro zu Buche schlägt.


ImplantatEin funktionierendes Bestellsystem gibt es nicht. Der Patient kommt und wartet geduldig auf einer Bank vor dem Behandlungsraum, bis er an der Reihe ist. Und das kann natürlich dauern. Aber Zeit spielt hier bei den Menschen ganz allgemein keine Rolle. Unser Zeitmanagement in Europa ist völlig anders, alles ist durchgetaktet und Wartezeiten stören. In Peru jedenfalls habe ich sowohl vor ärztlicher wie auch zahnärztlicher Behandlung nie einen Patienten erlebt, der sich über Wartezeiten beschwert hätte. Man ist halt froh, überhaupt die Möglichkeit zu haben, behandelt zu werden und läßt sich beim Warten durch eine niveaulose Daily soap im Fernseher (ziehmlich laut gestellt), berieseln, denn Zeitschriften gibt es schon mal gar nicht. Allerdings gibt es auch Tage, da warten die Behandler auf Patienten. Bei schlechtem Wetter, z.B. in der Regenzeit läßt das Aufkommen nach, da die Patienten sich dann nicht auf den Weg machen können. Viele Wege, insbesondere aus abgelegenen Regionen müssen zu Fuß zurückgelegt werden, was bei Schlechtwetter kaum möglich ist.

Der Zahnärztin geht noch eine Zahnarzthelferin zur Hand und gelegentlich kommt noch eine zweite hinzu. Sie helfen zwar bei der Vorbereitung der Behandlung und reinigen Instrumente und Behandlungsstuhl, die eigentliche Behandlung muss man jedoch meistens selbst bewältigen. Das heißt, man sucht sich erstmal die Instrumente , saugt und hält auch selbst ab. Dadurch geht die ganze Behandlung sehr langsam und umständlich voran. Vieles kann so im ersten Anlauf nicht bewerkstelligt werden, es kostet Zeit und Geduld. Man lernt wirklich wieder geduldig zu werden und eine hundertprozentige Perfektion, wie ich sie zuhause von mir und der Behandlung erwarte, ist hier einfach nicht zu schaffen. Als kleine Geschichte fällt mir der Umstand ein, dass an einer Behandlungseinheit ständig die OP-Leuchte absackte. Das hieß: nach einer Minute Arbeit stand ich im Dunkeln, mußte die Instrumente beiseite legen, das Licht neu ausrichten und konnte dann erst wieder für die nächste Minute fortfahren. Es half aber nichts, ich mußte Ruhe bewahren und die missliche Situation annehmen. Der krankenhauseigene Techniker hat sich während meines Aufenthalts sehr bewährt. Mit viel technischem Geschick, Improvisationskunst und Sachverstand gelang es ihm wiederholt, nicht oder schlecht funktionierende Technik wieder in Gang zu bringen. Für einen möglichst störungsfreien Behandlungsablauf bei den eingeschränkten Möglichkeiten ist es sehr wichtig und beruhigend, jemanden wie ihn vor Ort zu haben.

ImplantatNicht so ganz einfach war zeitweise die Kommunikation. Die Helferinnen, wie auch die allermeisten Patienten sprechen nur spanisch, was ich nur eingeschränkt beherrsche. Ich war immer froh, wenn nach meiner Frage nach dem Problem des Patienten, dieser auf einen bestimmten Zahn oder eine bestimmte Region deutete und nicht mit einer langen Vorgeschichte antwortete, die ich dann meistens nicht verstand. In diesen Fällen konnte ich allerdings auf Katerines gute Englischkenntnisse bauen, sie übersetzte dann für mich. So bin ich eigentlich, auch aufgrund meiner Erfahrung ganz gut mit den Behandlungen zurechtgekommen.

Ich konnte durchaus im Rahmen dieses Einsatzes einer Reihe von Patienten zahnmedizinisch helfen und habe selbst viel mit nach hause genommen, so dass der Einsatz auch für mich gelungen war. Man wird durch eine solche Mitarbeit in einem Projekt wieder ein bisschen für die Zahnheilkunde "geerdet". Hier zählt einfache Basishilfe und schließlich freut man sich auch wieder auf die Annehmlichkeiten daheim.